Warum dieser Tee?

Moíses Luiz da Silva Baniwa (41) ist ein Häuptlingssohn im Amazonaswald. Er lebt mit seiner Familie in einem der größten Schutzgebiete für Indigene überhaupt, am Oberlauf des Rio Negro in dem 40-Einwohner-Dörfchen Itacoatiara-Mirim. Thomas Fischermann hat sich in den vergangenen Jahren etliche Male mit Baniwa getroffen, während der Corona-Krise blieben die zwei via Facebook-Messenger in Kontakt. Klingt leicht, ist es am Amazonas aber nicht: Um zum vereinbarten Onlinechat zu gelangen, muss Baniwa mit dem Motorroller in die Stadt fahren, was bei gutem Wetter eine halbe Stunde dauert, bei Regenfällen eine Ewigkeit. Dieser Text ist das Resultat der Gespräche vom Juli bis Dezember 2020.

 




 

 

Das Coronavirus hat uns früh erwischt. Anfang April gab es in meinem Dorf die ersten Fälle. Zwei Frauen hatten sich infiziert, aber damals nahmen wir die Sache nicht ernst. Bei uns sind Fieberausbrüche ja normal! Die Bluttests der beiden Frauen ergaben auch nur Malaria. Erst später kam heraus, dass sie Malaria und gleichzeitig auch das Coronavirus hatten.

Ich heiße Moíses Luiz da Silva, bin 41 Jahre alt und gehöre zum Baniwa-Volk. Mein Vater ist der Häuptling und Kulturmeister Luiz. Bei uns im Dorf leben gut 40 Familien, und wir hatten schon in den ersten Monaten des Jahres 20 Fälle, dann 30 Fälle, und irgendwann hat sich wohl jeder infiziert. Erst zeigten die Jüngeren Symptome und dann die Alten. Bei uns im Dorf ist aber niemand gestorben, anders als in der Stadt und an vielen anderen Orten entlang der Flüsse. Das liegt wohl daran, wie wir mit der Krankheit umgegangen sind.

Zum Glück haben wir hier die Schamanen. Mein Vater ist einer der kundigsten Schamanen im Amazonaswald, und in der Großelterngeneration meiner Familie gibt es viele Heiler. Er hat für viele Leute im Dorf die Formeln aufgesagt und unsere Körper verschlossen, sodass kein Virus eindringen kann. Gleich als die ersten Nachrichten vom Coronavirus im Fernsehen zu sehen waren, bereitete mein Vater einen Aufguss vor und segnete ihn.

Wie viele es getroffen hat, kann niemand sagen

Das ist unser Hausmittel gegen viele Arten von Infektionen: Sud aus Magaratanha, Jambú, den Blättern der Araçá, den Blättern von Limonenpflanzen gemischt mit Früchten. Danach haben wir die Wohnhäuser und das Langhaus ausgeräuchert. Mein Vater macht einen Rauch aus dem Breu-Branco-Holz, das frisch aus einem Baum geschnitten sein muss, und aus bestimmen Bienennestern, die stark riechen, wenn sie qualmen. Gegen das Coronavirus waren die Bienennester ein sensationeller Erfolg.

Danach kamen viele Menschen, um von meinem Vater vor der Krankheit geschützt zu werden. Anfangs haben die Behörden meinem Vater verboten, viele Leute zu behandeln, wegen der Ansteckungsgefahr, weil er sehr nah an die Menschen herankommen muss. Wie soll er ihre Krankheiten heraussaugen, wenn er einen Mindestabstand einhält? Anfangs mussten wir viele Patienten wegschicken, aber später konnte er doch noch vielen helfen.

 

Quelle: Die Zeit - 27.12.2020 ´´Zum Glück haben wir unseren Schamanen´´




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